Ein Grenzgang mit Luis Stitzinger

Handschlag am österreichischen Gipfelkreuz des Pilgerschrofen

Bayern und Berge gehören zusammen 

Ein Interview zum Jubeljahr der Bayern mit dem Bergführer und Extrembergsteiger Luis Stitzinger 

Ein Handschlag am Gipfelkreuz. Der Bergführer Luis Stitzinger grinst. „Jetzt gehen wir noch ein paar Meter weiter auf den bayrischen Gipfel, zum bayrischen Kreuz.“ Am Pilgerschrofen, einem Grenzberg zwischen Füssen und Reutte sind wir unterwegs. Hier beginnt eine Bergtour in luftiger Höhe auf dem Zwölf Apostel Grat hinüber zum knapp über 2000 Meter hohen Säuling. Genau auf der Grenze zwischen Bayern und Tirol. Nicht Deutschland und Österreich. Nein! Der alte Grenzpfosten, an dem der der Grataufstieg beginnt, ist weißblau gestrichen – nicht in den Farben der Bundesrepublik. 

Stitzinger, der 49 Jahre alte Bergführer und Extrembergsteiger aus Füssen, ist froh über die EU und den Wegfall der Grenzen. Er kann sich noch erinnern, dass man früher in der Grenzregion den Ausweis auf die Bergtouren mitnehmen musste. „Gerade an Wochenenden wurde viel kontrolliert.“ Jetzt profitiere vor allem der Tourismus vom freien Grenzübertritt. Früher gab es auch schon mal  Streit zwischen den Bayern und Tirolern darüber, wer das Gipfelkreuz auf dem Grenzberg Säuling aufstellen dürfe,  doch heute sei es so, dass in der Region eng zusammen gearbeitet werde. „Ganz ehrlich: die Füssener haben doch eher was mit den Tirolern aus Reutte gemeinsam als mit den Memmingern im flachen Land“.

Ausblick auf die füssener Seenlandschaft

Luis ist in Füssen geboren und zwischen den beiden Schlössern Neuschwanstein und Hohenschwangau von König Ludwig zur Schule gegangen. Gut ein Viertel seines Lebens als Erwachsener hat er im Ausland verbracht, schätzt er. Auf Expeditionen in Südamerika, Pakistan und Nepal. Als Bergführer bezeichnet er sich ohnehin als „Gastarbeiter in den restlichen Alpenländern “, denn wo solle er denn in den bayrischen Bergen groß Gäste führen. „Es gibt ja fast nur das Zugspitzgebiet und das Berchtesgadener Land mit hohen Bergen. Sport und Englisch hat er in München studiert und dort auch einige Jahre für Bergsportanbieter Touren entwickelt. „Doch München war nichts für mich. Ich war heilfroh, als ich vor einigen Jahren wieder nach Füssen zurückkommen konnte.“ Die Nähe zu den Bergen und den Freundeskreis hatte er vermisst und „das menschliche und kulturelle Umfeld“.

Abseilen am Grat: Luis mit der superleichten Rap Line

Wir haben uns gerade an der zweiten Abseilstelle des Apostelgrates abgeseilt, da begegnet uns ein weiterer Bergsteiger. Er hat es eilig, will zum Mittagessen zuhause sein. „Du bist doch der Luis oder? Wir kennen uns nicht, aber unsere Frauen vom Yoga“, meint er und eilt weiter. Stitzingers Frau, Alix von Melle, ist Hamburgerin und arbeitet in einer Outdoorkette in München, deren Firmensitz allerdings in Hamburg ist. Sie leben gemeinsam in Füssen und haben schon sieben Achttausender zusammen bestiegen. „Wir haben uns beim Bergsteigen kennen gelernt!“ kommt schnell die Antwort auf die Frage, ob er sich hätte vorstellen können mit seiner Frau auch nach Hamburg zu ziehen. Bergführen könne man zwar von überall, „aber mir hätte das Leben in Hamburg auf Dauer nicht gutgetan“, schiebt er dann noch nach.

Zwar habe er schon mal überlegt für ein paar Jahre ins Ausland zu gehen. Nepal wäre eine Option gewesen. Aber: „Ich gehe gerne weg, komme aber genauso gerne wieder zurück!“  Deshalb wäre es nie für immer gewesen. „Höchstens ein paar Jahre.“

Feine Steine: Der Grat ist mal bröselig mal schön fest. 

Die Füssener seien gerne Bayern und auch stolz darauf, meint Luis. „Wir genießen hier das beschauliche Umfeld und die zentrale Lage.“ Es sei nicht weit zu den Jazzkonzerten in Kempten und ständen auf der Alpennordseite Regentage an, wäre man in kurzer Zeit in der Sonne auf der Alpensüdseite. Finanziell profitiere die Region vom Tourismus der Königsschlösser. „Man muss nur als Einheimischer wissen, wann man die Fußgängerzone zu meiden hat.“

Wenn man wie Luis viel im Ausland ist, sehe man erst wie gut es zuhause sei. „Egal ob kulturell, zwischenmenschlich oder im Gesundheitswesen.“ Nur an der bayrischen Politik verzweifle er manchmal. Zum Beispiel das geplante Aushebeln des Alpenschutzplanes zugunsten eines Skiverbundes am Riedberger Horn. „Das gibt es nur in Bayern, dass die Entscheidungen immer da hin gehen, wo das Geld fließt.“

Luftiger Weg: Der Zwölf Apostel Grat verläuft genau auf der Grenze von Bayern und Tirol

Inzwischen kommt tief unter uns das Schloss Neuschwanstein in Sicht. Im benachbarten Hohenschwangau hat er als Schüler in den Sommerferien als Gästeführer gearbeitet und ist tief in die Geschichte seiner Heimat eingetaucht. Deshalb kennt er hier jeden Stein, See und Berg. Die Aussicht vom Grat ist phänomenal. Nach Norden die Seen und Königsschlösser nach Süden das Lechtal und Tirol. „Einfach herrlich“, meint der Bergsteiger, der schon auf hunderten von Gipfeln in der ganzen Welt stand.

Luis Stitzinger ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Er betreibt eine eigene Bergschule in Füssen, führt aber auch für andere Anbieter. Insgesamt stand er auf acht Achttausendern, sieben davon zusammen mit seiner Frau Alix von Melle bestiegen. Einige dieser Berge ist Luis mit Skiern wieder abgefahren.

Text und Fotos: Oliver Schulz
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